Review of Creative Industries, Culture and Policy (in German)

This review of The Creative Industries, Culture and Policy (Sage, 2012) has been recently published by Professor Josef Trappel (University of Salzburg, Austria) in Medien & Kommunikationswissenschaft 1/2013. pp. 100-102.

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Buchbesprechung
Flew, Terry (2012): The Creative Industries. Culture and Policy. London, Thousand Oaks, New Delhi, Singapore: Sage.
von Josef Trappel
Hand aufs Herz: Wer kann aus dem Stand hieb- und stichfest zwischen cultural industries und creative industries definitorisch unterscheiden? Wer sich hier ratlos den Kopf kratzt, sucht mit Vorteil Rat in der angelsächsischen Literatur bei zwei Autoren, David Hesmondhalgh der eine und Terry Flew der andere. Dass die beiden eine halbe Erdkugel voneinander trennt (Leeds/Großbritannien und Brisbane/Australien) zeigt nur, dass auch die Sozialwissenschaften und nicht nur die Kultur- und Kreativindustrien im Prozess der Globalisierung mächtig vorangekommen sind. Terry, so scheint es, wollte David das wissenschaftlich und politisch ertragversprechende Feld nicht allein überlassen und reagierte auf Davids zweite Auflage seines akademischen Bestsellers „The Cultural Industries“ (Sage 2007) mit dem Titel „The Creative Industries“ (Sage 2012). Die wissenschaftliche Community freut sich auf die intellektuelle Auseinandersetzung und Sage kann sich die Hände reiben.
Wer Davids Werk gelesen hat, schlägt Terrys Buch mit besonderem Interesse auf. Gelingt dem Autor das Unterfangen, neues Licht in die Debatte um die Hermeneutik, die Theoriebildung und die politische Relevanz der Kultur- bzw. Kreativindustrien zu bringen? Die Fußstapfen sind groß, schließlich geht diese Debatte auf die Kritik der Frankfurter Schule an der Kulturindustrie zurück.
Terry Flew beginnt erwartungsgemäß mit der Definitionsarbeit. Verdienstvoll ist sein Überblick über die verschiedenen Ursprünge und Ausprägungen der Creative Industries in unterschiedlichen Ländern, auch wenn sein Schwerpunkt auf den angelsächsischen Traditionen liegt. Creative Industries, so die erste Lerneinheit in dem Buch, geht auf New Labour und Tony Blair zurück, die diesem Teil der Ökonomie eine besondere Wachstumsdynamik unterstellten und durch gezielte Förderungspolitik dieses Wachstum anzukurbeln suchten. New Labour hat mit der großen Kelle angerührt und den Bogen der Creative Industries weit gespannt. Von den Museen und Kunstgalerien über die Print- und audio-visuellen Medien bis hin zu Architektur, Design, der Werbebranche, den Software-Services und den Computerspielen – alles wurde den Creative Industries eingemeindet. Für Kritiker war der Bogen damit überspannt und eine kohärente Kulturpolitik aufgrund der Heterogenität der hier versammelten Wirtschaftszweige nicht möglich.
Flew stellt diesen Ursprüngen andere politische Konzepte gegenüber, etwa die Definitionen von UNESCO und UNCTAD und die Begriffsexegese in Australien. Ein eigenes Kapitel widmet der Autor den regionalen Unterschieden, die er anhand der Europäischen Union (S. 34ff), der Vereinigten Staaten (39ff), Ostasiens (42ff) und Chinas (48ff) darstellt. Trotz – oder wegen – dieser Fülle unterschiedlicher Begriffsverständnisse bleibt das Konzept der Creative Industries vage. Pragmatisch leuchtet am ehesten die im EU Grünbuch „Unlocking the Potential of the Cultural and Creative Industries“ (2010) vorgeschlagene Unterscheidung ein, wonach Kulturindustrien unabhängig von der kommerziellen Verwertbarkeit zu verstehen sind, während Kreativindustrien in der Regel eine (geschäftliche) Zweckbindung aufweisen. Doch auch diese Unterscheidung wirkt künstlich (und ahistorisch) und man ist geneigt Ruth Towse (2010) zuzustimmen, die für eine Aufhebung dieser begrifflichen Differenz plädiert. Für Terry ist die Begriffsdifferenz natürlich essentiell, nicht zuletzt wegen der Abgrenzung von Davids Buch. Das Problem zieht sich wie ein roter Faden bis zu den Conclusions, in denen Terry Flew festhält: „Definitional questions remain important, with an important question being the porosity of the boundaries between what we refer to as the creative industries on the one hand, and the whole range of entertainment industries that include activities related to tourism and sports as well as live performance and public exhibitions, on the other.” (S. 191)
Vor der Zusammenfassung aber setzt sich der Autor aber – und darin besteht der eigentliche Wert des Buches –mit den aktuellen und drängenden Fragen der Kulturwirtschaft auseinander. Zunächst wird deutlich, dass schon eine quantitative Erfassung der Bedeutung der Kulturwirtschaft innerhalb von Volkswirtschaften rasch an Grenzen stößt. So sind nicht einmal die Probleme gelöst, auf die eine einfache Erhebung der Arbeitsplätze in diesem Sektor stößt. Einerseits sind viele statistisch erfassbaren Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft keineswegs kreativ (Billetkontrolleur in der Oper), andererseits sind kreativ tätige Menschen nicht erfasst, wenn sie in anderen Branchen arbeiten (Webdesigner in Banken oder Versicherungen). Solch grobe Unschärfen erschweren und belasten die politische Debatte über die Relevanz der Kreativwirtschaft.
Breiten Raum widmet der Autor in einem weiteren Abschnitt des Buches den ökonomischen Besonderheiten der Kreativwirtschaft. Mangelnde Erfolgsvorhersehbarkeit, breiter Raum für Zufälligkeiten und die Sanduhren-Struktur („Hourglass industry structure“ S. 98ff) zählt Flew zu den Kennzeichen der Kreativwirtschaft. Zwischen der großen Anzahl von kreativen Gestalterinnen und Gestaltern und dem breiten Publikum steht der Flaschenhals der zunehmend global operierenden Distributoren, die künstlich Knappheit erzeugen und so die Industrie machtvoll kontrollieren.
Und schließlich kommt doch noch die Auseinandersetzung mit der politischen Konnotation des Begriffs der Kreativwirtschaft in Abgrenzung zur Kulturwirtschaft (S. 176ff). Auch wenn der Autor nicht explizit Position bezieht, so verteidigt er den Begriff der Kreativindustrie gegen die schweren Vorwürfe (u.a. von David), lediglich williger Erfüllungsgehilfe des globalen neo-liberalen Politikprojekts von Thatcher über Reagan bis Blair zu sein. Für Terry trifft die Kritik nur zum einen Teil zu, zum anderen Teil gehe sie ins Leere, weil die Heterogenität der Branche sowohl für partizipativ-emanzipatorische Innovationen sorge, als auch das kapitalistische Streben nach Profitmaximierung unterstütze.
Das Buch ist reich bestückt mit Literaturverweisen und Zitaten, hinter denen die eigenen Aussagen des Autors (zu) sehr in den Hintergrund treten. Der Bezug der einzelnen Kapitel aufeinander ist nur lose, vieles wird an mehreren Stellen des Buches ohne ersichtlichen Grund repetiert, worunter die Stringenz der Argumentation leidet. Das Buch erweckt den Eindruck, der Autor hätte um keinen Preis eine der aktuellen Debatten versäumen wollen: Innovation, Triebkräfte des Wandels, neue Kommunikationstechnologien, Globalisierung, Urbanisierung, Prekariate und vieles mehr wird andiskutiert, aber nicht zu einem Ganzen zusammengeführt.
So hinterlässt das Buch einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits die verständlich und kompetent vorgetragene Fülle an Debatten und Diskursen, andererseits die wenig kohärente Argumentationsführung. Eines aber leistet der Band ohne Zweifel: Nach der Lektüre lässt sich aber entschieden differenzierter über den Unterschied zwischen Cultural Industries und Creative Industries diskutieren.
Literatur:
Hesmondhalgh, David (2007): The Cultural Industries. 2nd edition. London, Thousand Oaks, New Delhi, Singapore: Sage.
Towse, Ruth (2010): A Textbook of Cultural Economics. Cambridge: Cambridge University Press.

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About Terry Flew

I am Professor of Media and Communication in the Creative Industries Faculty at the Queensland University of Technology, Brisbane, Australia. I am the author of New Media: An Introduction, the fourth edition of which was published by Oxford University Press in 2014. I am also the author of Understanding Global Media, published by Palgrave in 2007, and The Creative Industries, Culture and Policy, published by Sage in 2012.